Homöopathie Karlsruhe

Empfohlenene Richtlinien des ECCH und ICCH
für gute Arzneimittelprüfungen

„Hat man nun eine beträchtliche Zahl einfacher Arzneien auf diese Art im gesunden Menschen erprobt und alle die Krankheits-Elemente und Symptome sorgfältig und treu aufgezeichnet, die sie von selbst als künstliche Krankheits-Potenzen zu erzeugen fähig sind, so hat man dann erst eine wahre Materia medica - eine Sammlung der ächten, reinen, untrüglichen Wirkungsarten der einfachen Arzneistoffe für sich ...“
(Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, § 143)

Einführung

Der Verlauf einer Heilung und die Vorgehensweise beim Prüfen einer Arznei sind sich ähnlich, aber genau entgegengesetzt. Eine gesunder Mensch, der ein „Arzneimittel“ (potenziertes Agens) während einer Arzneimittelprüfung einnimmt, wird mit Symptomen aufwarten, die von seiner Empfänglichkeit bestimmt sind. Ein kranker Mensch, der ein dem Similegesetz entsprechend verordnetes Mittel einnimmt, erfährt die Wiederherstellung seiner Gesundheit.

Während der letzten Jahrzehnte ist die Welt durch Erfahrungen hindurchgegangen, die es zu Zeiten Hahnemanns nicht gab: sowohl radioaktive Strahlung, petrochemische und industrielle Umweltverschmutzung in globalem Maßstab, als auch entsetzliche Erschütterungen wie Weltkriege und Holocaust. Zur selben Zeit ist die Anzahl und der Schweregrad von Autoimmunerkrankungen beträchtlich angestiegen. Folgt man Hahnemanns Lehre, könnte es eine homöopatische Antwort auf alle Krankheiten geben. Da Homöopathen sich zur Aufgabe gemacht haben, Kranke zu heilen, sollten wir uns bemühen, über die Prüfung neuer Arzneien Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Durch ein sorgfältig reflektiertes Vorgehen und entsprechende Auswahl werden wir jene Substanzen prüfen, die am meisten Nutzen versprechen. Ebenso ist es wichtig, jene vielen unzureichend geprüften, aber bewährten Mittel einer umfassenden AMP zu unterwerfen, besonders die als „kleine Mittel“ bekannten, von denen wir nur einen Teil ihres vollen therapeutischen Potentials kennen.

In den letzten zehn Jahren wurden von zahlreichen Gruppen von Menschen überall in der Welt Arzneimittelprüfungen durchgeführt. Jedoch offenbart nähere Untersuchung dieser Arzneimittelprüfungen große Unterschiede bezüglich methodischen Ansatzes und Qualität des erhaltenen Materials. Einige folgten genau den von Hahnemann beschriebenen Abläufen, andere sind eher „zwanglose Experimente“, die unvollständig ausgeführt wurden. Einige dieser Ansätze sind „Seminar-Arzneimittelprüfungen“, „Traumprüfungen“, „Meditationsprüfungen“, „persönliche“ Arzneimittelprüfungen usw.. Vielen mangelt die feine und nahe Beobachtung, die durch den ganzen Vorgang einer korrekten hahnemannischen Arzneimittelprüfung hindurch erforderlich ist, und viele versagen, wenn es schließlich zu dem langwierigen und mühsamen Stadium der Extraktion, des Zusammentragens und Vergleichens kommt.

In diesem Dokument möchten wir die Notwendigkeit für jedes teilweise geprüfte oder ungeprüfte Mittel betonen, in seinem Potential durch mindestens eine hahnemannische Arzneimittelprüfung von guter Qualität bestätigt zu werden. Ab hier bezieht sich die Bezeichnung „Standard-Arzneimittelprüfung“ auf eine volle hahnemannische Arzneimittelprüfung.

Eines der Ziele und Gegenstände des ECCH und ICCH ist: „sich weltweit auf die höchsten Standards der Ausübung klassischer Homöopathie zu einigen, diese zu festzulegen und zu überwachen“. In unserem Bemühen, einen Prozess zu anzuregen und zu unterstützen, mit HIlfe dessen die höchsten Arzneimittelprüfungsstandards durch die größtmögliche Anzahl von Homöopathen in der ganzen Welt übernommen werden, hat das ICCH für die Ausführung einer guten Arzneimittelprüfung die folgend empfohlenen Richtlinien festgelegt.

Diese Richtlinien sollen keineswegs ein gründliches Studium ersetzen, das auf ein tiefes Verständnis von Philosophie und Methodik der Arzneimittelprüfungen ausgerichtet ist. Die Richtlinien sollten mehr als eine „Checkliste“ von Prinzipien und Praktiken betrachtet werden, die nicht fehlen dürfen. Bevor irgend jemand eine homöopatische Arzneimittelprüfung ausführt, ist es essentiell, die Paragraphen 105 bis 145 von Hahnemanns Organon der Heilkunst sorgfältig studiert zu haben. Zusätzlich empfehlen wir ein gründliches Studium der am Ende dieses Dokumentes angegebenen Literatur.

Sicherheit und Ethik

„Doch bleiben diejenigen Prüfungen der reinen Wirkungen einfacher Arzneien in Veränderung des menschlichen Befindens und der künstlichen Krankheitszustände und Symptome, welche sie im gesunden Menschen erzeugen können, welche der gesunde, vorurtheillose, gewissenhafte, feinfühlige Arzt an sich selbst mit aller ihn hier gelehrten Vorsicht und Behutsamkeit anstellt, die vorzüglichsten.“ (Samuel Hahnemann, Organon § 141)

Ein organisiertes Experiment, das die Gabe irgendeines potenzierten Agens oder rohen Materials einschließt, impliziert wichtige Anforderungen An Ethik und Sicherheits. Arzneimittelprüfungen setzen die beteiltigten Menschen Einflüssen aus, die tiefe und langfristige Wirkungen auf ihr physisches und psychologisches Wohlbefinden haben können. Alle potentiellen Prüfer sollten über diese Möglichkeit umfassend aufgeklärt werden. Prüfern, die nicht unter geeigneter Supervision sind, fehlt unter Umständen die volle oder ausreichende Unterstützung und Begleitung, die zu ihrer eigenen Sicherheit notwendig sind.

Wer eine Arzneimittelprüfung nicht als eine volle hahnemannische Prüfung mit klarem Protokoll durchführt, sollte sich dessen im vollen Umfang bewußt sein. Teilnehmende in solch weniger supervidierten, eher ‘zwanglosen Prüf-Experimenten’, sollten vorher beraten und aufgeklärt werden, in was sie sich hineinbegeben. Bei solchen Prüf-Experimenten ist nicht gewährleistet, dass die Unterstützung, Führung und Sicherheitsvorsorge angeboten werden kann, für die die „Standard-Methode“ sorgt. Aus ethischer Sicht sollten Seminarteilnehmer schon vor einem Seminar aufgeklärt werden, ob die Referenten planen ein solches Experiment durchzuführen, damit die Teilnehmenden nicht mit einer plötzlich mit einer Entscheidung konfrontiert werden, ob sie teilnehmen wollen oder nicht. Jene, die solche Gruppenversuche organisieren, sollten sich darauf einstellen, genügende Unterstützung und Supervisionsmöglichkeiten vorzubereiten für alle Teilnehmer, die dies nach dem Experiment brauchen könnten.

Das Gleichgewicht von Zeitaufwand, Energie, möglichem Unbehagen, Sicherheit und Wohlbefinden der Teilnehmenden muss sorgfältig gegen die potentielle Möglichkeit abgewogen werden, tatsächlich extrahierte gültige und nützliche Information daraus zu gewinnen, die die homöopathische Materia Medica wirklich bereichert und schließlich dann veröffentlicht wird, um die therapeutischen Möglichkeiten aller Homöopathen zu verbessern.

Wissen teilen und mitteilen

Die Satzung des ECCH und ICCH nennt als eines ihrer Hauptziele, „die Einheit und Harmonie des klassisch homöopatischen Berufsstandes anzuregen und durch wechselseitige Zusammenarbeit und Austausch von Wissen, Erfahrung und Ressourcen zu fördern“. Der Vorgang der Arzneimittelprüfungen liefert eine wesentliche Quelle des Wissens und Verständnisses für Homöopathen, das verwendet werden kann, die Qualität künftiger homöopathischer Praxis zu verbessern. Wenn dieses wichtige und einzigartige Wissen jedoch nicht extrahiert, aufgeschrieben, aufgelistet, organisiert und veröffentlicht wird, dann wird es der breiteren homöopatischen Oeffentlichkeit vorenthalten. Bis vor kurzem wurden nur wenige Arzneimittelprüfungen veröffentlicht, die den homöopatischen Berufsstand in breiterem Maße erreichten. Die Veröffentlichung umfassender, vollständiger Arzneimittelprüfungen haben sich als teure und arbeitsaufwendige Aufgabe erwiesen.

ECCH und ICCH sind damit betraut, Projekte anzuregen und zu unterstützen, die dazu beitragen, dieses wertvolle Wissen mit allen Mitgliedern der homöopatische Gemeinschaft zu entwickeln und zu teilen.

Ausbildung

ECCH und ICCH haben sich bereits ausführlich mit dem Thema Ausbildung beschäftigt und haben „Richtlinien für homöopatische Aus- und Weiterbildung“ herausgegeben. Durch diese „Richtlinien“, und auch auf anderen Wegen möchten ECCH und ICCH höhere Standards der Lehre und Ausbildung anregen, ganz besonders im Bereich der Philosophie und Methodik der Arzneimittelprüfungen. Das Thema Arzneimittelprüfungen während der Ausbildungsjahre zu studieren, wird unter den Qualitätsstandard unter der wachsenden Anzahl von Homöopathen wesentlich anheben.

Einer der besten Wege, um das homöopathische Verständnis von Gesundheit und Krankheit bei Studierenden der Homöopathie zu vertiefen, ist die aktive Beteiligung an einer vollen hahnemannischen Arzneimittelprüfung. Teilnahme an einer gut organisierten Standard-Arzneimittelprüfung sollte idealerweise ein wesentlicher Teil des Lehrplanes jeder Schule sein. Sowohl Studierende (Freiwillige) als auch Außenstehende können dabei Prüfer sein. Andere Studenten könnten als Supervisoren fungieren oder die Extraktion und das Zusammentragen der Symptome durchführen. Auf diese Weise wird eine Generation von Homöopathen mit Erfahrungen in Arzneimittelprüfungen hohen Standards die Schulen absolvieren. Wie in allen Bereichen des akademischen Trainings sollte der Leiter einer solchen Arzneimittelprüfung eine Person sein, die in der Philosophie und Methodik von Arzneimittelprüfungen qualifiziert und erfahren ist.

Die Rolle von Berufsverbänden

Homöopatische Vereinigungen und Gesellschaften sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie die Pflicht haben, innerhalb ihrer Einflusssphäre jene, die in Arzneimittelprüfungen engagiert sind, zu begleiten, zu unterstützen und zu beraten. Wir möchten diese auch anregen, „Arzneimittelprüfungs-Fonds“ zu schaffen, die volle hahnemannische Arzneimittelprüfungen unterstützen und fördern. In unserem Bemühen, die Qualitätsstandards der Arzneimittelprüfungen anzuheben, das Sammeln und Verbreiten des Wissens zu fördern und das Thema Arzneimittelprüfung für zukünftige homöopathische Ausbildungen zu vertiefen, rufen die Mitglieder von ECCH und ICCH auf zu Einigkeit und gegenseitiger Unterstützung der vielen Gesellschaften und Individuen, die rund um die Welt im Prozess der Arzneimittelprüfungen engagiert sind.

Richtlinien:

Eine Checkliste für gute Arzneimittelprüfungen

DIE PRUEFER

Gesundheit

Vorhergehende Fallaufnahme

Alter

Ausgenommen von Arzneimittelprüfungen

Die Gruppe

Gruppengröße

DIE ZU PRUEFENDE SUBSTANZ

Die Ausgangsssubstanz erhalten

Bezeichnung des Mittels

Präparat

Arzneihersteller

Potenz

Placebo

DER PRUEFUNGSLEITER

Der Prüfungsleiter oder Koordinator ist für den ganzen Prozeß der Arzneimittelprüfung von Anfang bis Ende verantwortlich.

SUPERVISION

Gute aufmerksame Supervision ist einer der Schlüsselfaktoren, um erfolgreiche und fruchtbare Arzneimittelprüfungen sicherzustellen.

DAS ARZNEIMITTELPRUEFUNGSKOMITEE

Ein Komitee mit 2-5 Homöopathen ist am besten geeignet für die ideale Gruppengröße von zehn bis zwanzig Prüfern. Die Aufgaben dieses Komitees sind:

IM WEITEREN EMPFOHLENES VORGEHEN

Orientierungstreffen

Prüfjournale

Fallaufnahme

Der Arzneimittelprüfung vorausgehende Aufzeichnungen

Anleitungsbrief

DIE ARZNEIMITTELPRUEFUNG

Genaue Anleitungen für Prüfern und Supervisoren sind in enthalten „The Dynamics and Methodology of Homeopathic Provings“, Seiten 91-98. Nur die Hauptpunkte werden folgend aufgelistet:

Alltag der Prüfer

Einnahme des Mittels

Arzneimittelprüfungsprotokolle

Prüfer - Supervisor

Dauer der Supervision

Vertraulichkeit

Gruppendiskussionen

EXTRAKTION

In dieser wichtige Phase sind die schriftlichen Journale in das Format der Materia Medica zu bringen und die gültigen Symptome zu extrahieren.

Das Team

Das ‘Arzneimittelprüfungstreffen’

Textformat

Sprache

Kriterien für die Aufnahme von Symptomen:

SORTIEREN, EDITIEREN UND UEBERTRAG IN REPERTORIEN

Sortieren, Editieren und ins Repertorium übertragen sind die mühsameren, viel Sorgfalt erfordernden und zeitraubenderen Arbeitsphasen in der Durchführung einer Arzneimittelprüfung. Der mit diesem Teil der Arbeit verbundenen Aufwandes sollte wohl erwogen werden, bevor man sich auf auf eine Arzneimittelprüfung einlässt. Es wird empfohlen, dass Arzneimittelprüfungsgruppen Rat suchen von erfahreneren Prüfern und die wenigen guten Beispiele sorgfältig studieren sollten, die schon veröffentlicht worden sind. Eine gut ausgewogene Gruppe für diese Aufgabe sollte sich aus verschiedenen erfahrenen Homöopathen zusammensetzen, die wohl vertraut sind mit den verschiedenen Repertorien und der Repertoriumsprache, und einem Prüfungsleiter, der über den ganzen Prozess von Anfang bis Ende die Uebersicht behält. Eine gute aktive Kenntnis der einheimischen Sprache der Prüfer ist ebenso Voraussetzung.

Sortieren

Uebertrag in Repertorien

PROTOKOLL

Ein detailliertes Protokoll sämtlicher die Arzneimittelprüfung betreffenden Informationen (einschließlich Kommentaren, Schwierigkeiten, ‘Abkürzungen’ und Ueberlegungen, die während der Arzneimittelprüfung zu Entscheidungen führten usw.), sollte als bleibende Aufzeichnung aufbewahrt werden.

NICHT-HAHNEMANNISCHE ARZNEIMITTELPRUEFUNGEN

Jede Information, die aus irgendeiner anderen Form der Arzneimittelprüfung gewonnen wurde als von einer vollständigen, gut durchgeführten hahnemannischen (‘Standard-’) Arzneimittelprüfung, sollte nur dann als gültig und nützlich betrachtet werden, wenn sie sich im Vergleich mit dem Material einer guten hahnemannischen Standard-AMP bestätigt. Solches Material sollte klar ersichtlich als ‘zusätzliche interessante Information’ aufgenommen werden und in jeder daraus hervorgehenden Materia Medica die Quelle und deren Art angegeben werden.

Prüfungsablauf

Kurzbibliographie

Dieses Dokument ist Eigentum des ECCH und ICCH, aber es wird der weltweiten homöopatischen Gemeinschaft verfügbar und zugänglich gemacht als öffentliche Dienstleistung und als ein Dienst an der Homöopathie. Es ist ein Dokument, das sich weiterentwickeln kann und verbessert werden kann im Bemühen, es zu vervollkommnen. Konstruktives Feedback zu seinem Inhalt wird in ernsthafte Ueberlegungen einfließen der ECCH und ICCH Arzneimittelprüfungs-Gruppen und Räte. Kommentare und Verbesserungsvorschläge können uns zurückgesendet werden auf Fotokopien dieses Dokumentes oder ein gesondertes Blatt geschrieben, an das Sekretariat:

ECCH / ICCH,

Schoolhouse

Market Place, Kenninghall

Norfolk NR16 2AH England

Tel. + Fax 44-1953888163

mailto: ecch@homeopathy-ecch.org,

web: www.homeopathy-ecch.org
ECCH & ICCH, 1997/1998

Uebersetzung Carl Classen 1999



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