Unabhängige Qualitätssicherung in der Homöopathie

Artikel, erschienen in der CoMed 1/2004

Die „Stiftung Homöopathie-Zertifikat“

Die Homöopathie hat als Heilverfahren einen guten Ruf. Umfragen zu Folge würde eine große Mehrzahl der Patienten solche Alternativen zur Allopathie vorziehen, wann immer sinnvoll möglich und verantwortbar. Dem gegenüber steht die Schwierigkeit, einen qualifizierten Behandler zu finden. In der Regel ist es die Mundpropaganda, die Weiterempfehlung, die den Weg von der Nachfrage zum Angebot ebnet. Immer häufiger fragen Patienten speziell nach klassisch homöopathischer Behandlung.

Qualitätssicherung in der Homöopathie, warum?

Auch zukünftig wird Weiterempfehlung unverzichtbar sein, sie ist die unschuldigste Art der Werbung. In der Geschichte der Homöopathie hat sich allerdings immer wieder gezeigt, dass das Auf und Nieder sehr wohl auch mit dem Ausbildungsstand der Therapeuten verknüpft ist. Vor 100 Jahren war dies in den USA zu beobachten; heute haben wir weltweit einen neuen Boom von Homöopathie und Homöopathen. Wer sich vor 15 oder 20 Jahren für Homöopathie interessierte, war noch vergleichsweise einsam damit, und es bedurfte schon eines besonderen Idealismus, sich in die komplexe Materie dieser Heilkunst einzuarbeiten. Ausbildungsgänge gab es noch kaum; doch gerade aus dieser Generation kommen Homöopathen, die sich die homöopathische Fachliteratur mit Begeisterung erarbeiteten und bald zu engagierten Praktikern wurden.

Heute ist die Situation anders:
In fast jeder größeren Stadt gibt es Angebote, Homöopathie systematisch zu studieren. Ärzte und Heilpraktiker belegen entsprechende Kurse; an Praxen mangelt es nicht. Dennoch ist eine Diskrepanz entstanden zwischen dem scheinbar reichlichen Angebot und einer verbleibenden Unsicherheit der Patienten, den ‚richtigen‘ Therapeuten zu finden. Eine Kluft, die auch gut ausgebildeten Praxisanfängern oft zu schaffen macht. Ein Heer von Therapeuten, die oftmals fast ohne entsprechende Ausbildung und auf sehr oberflächliche Art und Weise ihre Tropfen oder Kügelchen verschreiben, verkompliziert die Situation. Eine Dynamik, die vom Boom sehr rasch in einen Niedergang führen kann – für die Homöopath wäre dies nicht das erste Mal in ihrer Geschichte.

Qualitätssicherung selbst in die Hand nehmen

Was uns bleibt, was wir dagegen stellen können, ist – neben unserer eigenen Praxistätigkeit – eine adäquate Form der Qualitätssicherung für Praxis, Aus- und Weiterbildung, die erstens der Sache selbst Impulse gibt und zweitens nach außen hin für die Patienten Transparenz schafft. Hochwertige Ausbildungen sollen gefördert Qualität dokumentiert werden. Zeugnisse einzelner Schulen sind gut und schön;- bundesweit kompatibel sind sie nicht. Entsprechende Forderungen werden auch von der Politik an uns herangetragen. Doch es ist allemal besser, wenn Homöopathen und Homöopathinnen, insbesondere Heilpraktiker und Heilpraktikerinnen hier selbst aktiv werden, als wenn sie warten, bis ihnen Richtlinien eventuell von außen aufgesetzt werden.

Die „Qualitätskonferenz“

In anderen Ländern werden die beschriebenen Entwicklungen ganz ähnlich beobachtet, wenngleich sich durch die nationale Gesetzgebung, vor allem den Heilpraktikerberuf in Deutschland, nicht zu vernachlässigende Besonderheiten ergeben. Schon 1993 veröffentlichte der europäische Dachverband ECCH (European Central Council of Homeopaths) erste Rahmenrichtlinien für homöopathische Ausbildungen; die Umsetzung wird den nationalen Organisationen überlassen. In Deutschland dauerte es einige Jahre länger, bis man aktiv wurde. Im Juli 1998 lud der VKHD (Verband klassischer Homöopathen Deutschlands) Vertreter anderer Homöopathie-Organisationen ein, und man entschloss sich, entsprechende Qualifikationskriterien auszuarbeiten. Dies war der Beginn der seither regelmäßig tagenden „Qualitätskonferenz zur homöopathischen Aus- und Weiterbildung“.
Engagierte Fachleute, in der Regel erfahrene Kollegen und Kolleginnen oder LeiterInnen von Schulen, erarbeiteten in bisher rund 30 einzelnen Konferenzen und Arbeitskreistreffen Ausbildungsinhalte, Lernziele und weitere Kriterien. Sie bemaßen die Anforderungen daran, welche Fachkenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen ein Patient von einem gut ausgebildeten homöopathisch arbeiteten Heilpraktiker oder Arzt erwarten können sollte. Die große Leistung der Qualitätskonferenz war, verbindliche Ausbildungsinhalte festzulegen und doch ein Konzept zu erarbeiten, welches den verschiedenen Strömungen in der Homöopathie genügend Spielraum gibt. Kerninhalte der klassischen Homöopathie Samuel Hahnemanns dürfen nicht fehlen; für verschiedene Wege etwa der homöopathischen Fallanalyse gibt es ausreichend Freiraum. Auf diese Weise war ein umfassender Konsens möglich, der von sehr verschiedenen Kräften mitgetragen wird.

Gründung der „Stiftung Homöopathie-Zertifikat“ (SHZ) am 1. November 2003

Auch freiwillige Qualitätssicherung kann nur durch eine rechtsfähige Körperschaft umgesetzt werden; die vergleichsweise informelle Qualitätskonferenz bietet nicht den dafür notwendigen Apparat. Verschiedene Modelle der Trägerschaft wurden eingehend diskutiert und lange nach einem Konsens gesucht, ein Prozess, während dem leider eine der beteiligten Gruppen ausschied. Die Entscheidung fiel schließlich mit großer Mehrheit zu Gunsten der Trägerschaft durch eine gemeinnützige und unabhängige Stiftung. Für das ausführende Organ der Qualitätssicherung waren zwei unterschiedliche Forderungen miteinander in Einklang zu bringen: Einerseits sollte die Mitwirkungsmöglichkeit aller beteiligten Kräfte garantiert sein, so dass diese sich repräsentiert fühlen können; auch für ’neue‘ Kräfte will man offen sein. Zugleich jedoch sollte die Qualitätssicherung in unabhängige Hände gelegt werden, sie sollte durch keinerlei politische oder wirtschaftliche Eigeninteressen etwa von Homöopathie-Schulen oder von Organisationen beeinflusst werden können, und schließlich sollte die Arbeit maximal transparent bleiben. Unter diesen Prämissen wurde die Satzung der „Stiftung Homöopathie-Zertifikat“ ausgearbeitet und in der Qualitätskonferenz verabschiedet. Am 1. November 2003 fand schließlich in München mit vielen Gästen und unter Anwesenheit der Presse die Gründungsversammlung statt.

Ganz für die Homöopathie

Die Ziele der Stiftung sind klar festgeschrieben:
Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege durch Qualitätskriterien für die Homöopathie. Sonderinteressen haben hier keinen Platz; zudem unterliegen Stiftungen einer strengen staatlichen Aufsicht. Damit die Qualitätssicherung ganz und gar der Homöopathie dienen kann, wurde sie bewusst außerhalb auch solcher Organisationen angesiedelt, die berechtigterweise die Interessen bestimmter Gruppierungen vertreten – wie etwa Berufsorganisationen. Deren Arbeit ist notwendig, gelegentlich jedoch von Konflikten zwischen Ärzten und Heilpraktikern oder innerhalb beider Berufsstände behaftet. Wir gehen davon aus, dass beide Berufe für die Homöopathie unverzichtbar sind: Die Geschichte der Homöopathie ist völlig undenkbar ohne das Engagement von Nicht-Ärzten wie Clemens von Bönninghausen, G.H.G. Jahr oder George Vithoulkas. Um die eigentliche Berufspolitik, um den berufspolitischen Erhalt der therapeutischen Freiheit müssen sich jedoch andere kümmern, mit denen die Stiftung zusammenarbeiten kann, als solche jedoch unabhängig bleibt.
In Vorstand, Stiftungsrat und Qualitätskonferenz sind sowohl Ärzte wie auch Heilpraktiker vertreten.

Was bietet die Stiftung Homöopathie-Zertifikat?

Die SHZ zertifiziert:
(a) Einzelpersonen (Heilpraktiker oder Ärzte),
(b) sie registriert Dozenten und Supervisoren,
(c) sie akkreditiert Ausbildungsstätten.
Alle Unterlagen einschließlich Bewerbungsbögen, Ausbildungsinhalte und Lernziele der SHZ können eingesehen und heruntergeladen werden auf der Website www.homoeopathie-zertifikat.de. Der Einfachheit halber gehen wir hier nur auf die Therapeuten-Zertifizierung ein. Alle registrierten und zertifizierten Therapeuten werden auf entsprechenden Listen veröffentlicht, die an interessierte Patienten vergeben und ins Netz gestellt werden.

Bis Ende 2006 ist eine vereinfachte Zertifizierung, auch Registrierung genannt, nach einem Punktesystem möglich:
Es gibt bestimmte Punktzahlen für Ausbildung, Weiterbildung, Fallsupervision und eigene Praxisjahre. Durch eingereichte eigene Fälle wird darüber hinaus aufgezeigt, im Sinne der klassischen Homöopathie zu arbeiten. Soweit Fachpublikationen oder Lehrtätigkeit geltend gemacht werden können, kann dies ebenfalls aufgeführt werden, und für Bewerber, die skeptisch sind, wer ihre Falldokumentationen beurteilen will, wird alternativ auch noch ein ‚Kollegengespräch‘ angeboten. Eine unzureichende Punktzahl macht keine komplette Neubewerbung nötig sondern die fehlenden Nachweise können zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht werden.
Die Zeit bis 2006 ist zugleich auch eine Übergangsfrist für Schulen, um ihre Ausbildungspläne entsprechend anzupassen. Als Richtwert gelten dabei mindestens 550 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten neben etwa dem Doppelten an Heimstudium; die angebotene Registrierung der Dozenten und Akkreditierung der Schulen vereinfacht die Abwicklung.
Für die Zertifizierung der Therapeuten wird ab 2007 eine bestandene Abschlussprüfung vorausgesetzt, die zu 55% als zentrale Prüfung durchgeführt wird und zu 45% von den einzelnen Schulen mitgestaltet werden kann. Ausbildungen an nicht zertifizierten Schulen werden dabei ebenso berücksichtigt; diese können lediglich nicht selbst Prüfungen abhalten.
Und bereits von jetzt an ist die Therapeutenzertifizierung an eine Weiterbildungspflicht gebunden; ohne Weiterbildung verlieren die Bescheinigungen nach einer bestimmten Zeit ihre Gültigkeit.

Weichen für die Zukunft
Die Qualitätskonferenz und die „Stiftung Homöopathie-Zertifikat“ setzen sich dafür ein, die Kräfte auf dem beschrittenen Weg weitläufig zu einen und zu bündeln, damit der damit gegebene Impuls für hochwertige Aus- und Weiterbildung in der Homöopathie reiche Früchte tragen wird und um das Niveau in der homöopathischen Praxistätigkeit wirksam zu steigern. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die SHZ (www.homoeopathie-zertifikat.de). Helfen Sie mit, die Therapeutenliste der SHZ zu dem machen, was sie werden soll: zu einem Inbegriff solider Qualitätssicherung und Transparenz in der Aus- und Weiterbildung.

Autor
Carl Classen
2004 als Mitglied in der Qualitätskonferenz der SHZ