Was ist Homöopathie?
Homöopathie, bekannt und unbekannt zugleich
Die Homöopathie ist eine im späten 18. Jahrhundert von dem Arzt Samuel Hahnemann entwickelte Heilmethode. Die Homöopathie arbeitet nach dem Ähnlichkeitsprinzip und verwendet individuell ausgewählte, potenzierte Arzneimittel. Charakteristisch sind eine ausführliche Anamnese, die individuelle Arzneiwahl und die Betrachtung der Beschwerden im Zusammenhang mit der gesamten Situation des Patienten.
Wo aber steht die bekannt-unbekannte Homöopathie? Die Erfolge der sogenannten Schulmedizin, insbesondere bei akut lebensbedrohlichen Zuständen, sind beachtlich. Dennoch gibt es immer mehr kranke Menschen. Bei vielen chronischen Erkrankungen sind Behandlung und Versorgung trotz großer Fortschritte anspruchsvoll. Nicht immer lassen sich Beschwerden vollständig beseitigen, und viele Betroffene suchen deshalb nach ergänzenden Behandlungsansätzen. Individualisierung und ausführliche Betrachtung der persönlichen Situation sind grundlegend in den Jahrzehnten meiner homöopathischen Arbeit.
Die wissenschaftliche Bewertung der Homöopathie unterliegt im Grunde schon seit ihren Anfängen einer Kontroverse. Auch die heutige Studienlage ist heterogen, der Gegenstand erscheint nicht einfach. Wie solche unterschiedlichen Ergebnisse zustande kommen und welche Aussagekraft verschiedene Studiendesigns hervorbringen, bespreche ich ausführlicher in den Beiträgen „Homöopathie in Wissenschaft und Forschung — Evidenz ist nicht gleich Evidenz“ sowie „Homöopathie und Placebo“.

Nicht aus fernen Länder kommt die Homöopathie, sondern mitten aus dem Herzen Europas. Jeder glaubt sie zu kennen, viele haben schon gute Erfahrungen gemacht und doch gibt es häufig falsche Vorstellungen. Laien wie auch Fachleute berichten – wenngleich die Homöopathie als nicht wissenschaftlich anerkannt gilt – von positiven Erfahrungen bei unterschiedlichsten chronischen und akuten Erkrankungen. Sei dies für sich alleine oder andere Maßnahmen ergänzend. Oft wird die Homöopathie in einen Topf geworfen mit allerlei oft schnell verordneten, mehr oder weniger natürlichen Mittelchen für Beschwerden, die auch von alleine vergehen. Dabei bleibt gerade die Homöopathie als eine umfassende Option anzuschauen, die sich von bekannten medizinischen Denk- und Handlungsweisen unterscheidet.
Was bedeutet "klassische Homöopathie"?
Der Begriff "klassische Homöopathie" wurde in den 1950er Jahren als Abgrenzung zur Komplexmittel-Homöopathie eingeführt. Heute umfasst er unterschiedliche fachliche Ausrichtungen, die aber gemeinsam haben, mit Einzelmitteln zu arbeiten – als die für eine Situation jeweils "ähnlichste" homöopathische Arznei zu suchen – und nicht auf indikationsbezogene Mittel-Gemische (Komplexmittel) zurückgreifen. Es wäre präziser, von "Einzelmittel-Homöopathie" zu sprechen oder aber gleich noch weitere homöopathische Schulen zu unterscheiden. Den Begriff "klassisch" verwende ich, da er etabliert und damit allgemein verständlich ist..
Worauf beruht die Homöopathie?
Das Prinzip: Einem Kranken wird in einer sehr feinen, im fachinternen Verständnis der Homöopathie eher energetisch oder informativ gedachten Dosierung eine Arznei gegeben, die den persönlichen, krankhaft veränderten Zustand auf spezifische Weise widerspiegelt. Ausformuliert finden wir dies als Ähnlichkeitsprinzip: "Heile Ähnliches mit Ähnlichem". Nach homöopathischer Lehre – so das Wirkmodell – wird die Lebenstätigkeit des Organismus durch einen unwägbaren, aber hoch spezifischen Reiz veranlasst, einen Heilungsprozess in Gang zu bringen. Mit den Mitteln der heutigen Naturwissenschaft war bislang (und ist womöglich überhaupt) keine Erklärungen für diesen Vorgang möglich; die Homöopathie stützt sich daher auf ihre eigenen, fachinternen Beobachtungen. Die für homöopathische Behandlungen charakteristische umfassende Anamnese und deren strukturierte Auswertung (Fallanalyse), die Arzneiwahl, Dosierung, Verlaufsbeurteilung und Folgeverschreibungen brauchen Wissen, Erfahrung und ein methodisch klares Vorgehen. Nebst der möglichst genau zu beschreibenden Hauptbeschwerde wird auch der Gesamtzustand des Kranken berücksichtigt, subjektives Empfinden ebenso wie objektive Symptome, Reaktionen auf Wärme, Kälte und andere Außenreize ebenso wie das seelisches Befinden. Wir arbeiten nicht "gegen" die Krankheit, sondern "mitsinnig" im Sinne der angestrebten Heilung des ganzen Menschen.
Das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie macht neugierig, ob es ein singuläres Phänomen ist oder zumindest analog auch anderweitig zu beobachten ist. Interessant als Gegenstand der Beobachtung und weiterer Forschung sind insofern beispielsweise psychotherapeutische Vorgehensweisen (Spiegelung, Symptomverschreibung, paradoxe Intervention), einige physikalische Therapien (Kneipp-Anwendungen) oder auch paradoxe Wirkungen schulmedizinischer Medikamente.
Die Entdeckung
Entdeckt wurde die (klassische) Homöopathie von dem Arzt Samuel Hahnemann, nachdem dieser im Jahre 1790 bei einem Selbstversuch mit Chinarinde, dem damals üblichen Malaria-Mittel, an sich selbst Symptome beobachtete, die ihn stark an eine am eigenen Leib erfahrene Malaria-Erkrankung erinnerten. Auch die wiederholte Einnahme, so Hahnemanns Schilderung, brachte "alle mir sonst beim Wechselfieber [Malaria] gewöhnlichen [gewohnten] Symptome, doch ohne eigentliche Fieberschauder" hervor. Das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie finden wir historisch zwar ansatzweise schon u.a. im Ayurveda, bei Hippokrates und bei Paracelsus, doch erst Hahnemann entwickelte und gestaltete die Homöopathie zu einem anwendbaren System.
Heute wird die Homöopathie weltweit angewendet. Ungeachtet der Erfolge der naturwissenschaftlichen Medizin weckt auch die geistige und ganzheitliche Dimension der Homöopathie das Interesse der Menschen. Zugleich geben die bekannten Kontroversen den Eindruck, dass die Homöopathie ein materialistisch-reduktionistisches Weltbild durchaus herausfordern kann.
Was bedeutet Heilung? Sind 'Erstverschlimmerungen' notwendig?
Ein wesentlicher Bestandteil der klassischen Homöopathie ist ihr eigenes Verständnis von Krankheits- und Heilungsverläufen.
Die homöopathische Herangehensweise legt ein prozessuales Verständnis von Lebensvorgängen zugrunde. Beobachtet werden nicht nur einzelne Beschwerden, sondern Krankheits- wie auch Heilungsdynamiken im Gesamtfeld subjektiver und objektiver Symptome, psychischer Prozesse und innerer Haltung, Tätigkeit, sozialem Umfeld sowie auch Veranlagung.
In der homöopathischen Literatur wird eine vorübergehende Verstärkung bestehender Beschwerden teilweise als „Erstverschlimmerung“ bezeichnet. Eine Verschlechterung kann allerdings auch Ausdruck eines natürlichen Krankheitsverlaufs oder einer behandlungsbedürftigen Komplikation sein und sollte deshalb nicht vorschnell als homöopathische Reaktion interpretiert werden. Schon bei Hahnemann finden sich Kriterien, die auf eine Unterscheidung zwischen Erstverschlimmerung und einer Verschlimmerung der Krankheit selbst zielen; sein Schüler G.H.G. Jahr präzisierte diese Unterscheidung (Hahnemann, Organon, §§ 161, 246 und G. H. G. Jahr, Leitfaden, Einleitung §§ 12–13). Dessen ungeachtet ist bei allen starken, neuen oder anhaltenden Beschwerden eine medizinische Abklärung angezeigt.
Homöopathie mit Einzelmitteln
Nehmen wir den Anspruch ernst, ganzheitlich zu behandeln? Für eine solide klassisch-homöopathische Behandlung führt kein Weg vorbei an einer gründlichen Anamnese (Fallaufnahme), einer kunstgerechten Auswertung der Anamnesedaten (homöopathische Fallanalyse) und an individuellen Verordnungen unvermischter Einzelmittel. Für den Behandler bedeutet dies, vor allem bei chronischen Erkrankungen, einigen Arbeitsaufwand. Nicht, weil die Homöopathie kompliziert wäre, sondern weil unsere gesundheitlichen Situationen heute ziemlich komplex sind. Eine nur nach Krankheitsdiagnosen oder etwa mit "Pendeln" oder nach elektrischen Hautwiderstands-Messungen getroffene Verschreibung, ohne Berücksichtigung von Detailsymptomen, Gesamtsituation, individuellen Reaktionsweisen und seelisch-geistiger Verfassung des Patienten entspricht nicht den Prinzipien der klassischen Homöopathie.
Zum Zwecke der durchaus einfacheren Verschreibung nach Diagnosen wurden sogenannte Komplexmittel entwickelt. Das vergleichsweise konventionellere Denkmodell dahinter vereinfacht übrigens auch klinische Studien, die nach Arzneimittelgesetz (AMG §§ 21-22) bei jeder Indikationsangabe zwingend erforderlich sind. Kritisiert wird, dass nicht dem (vor allem bei chronischen Behandlungen relevanten) ganzheitlichen Ansatz der Homöopathie entspricht und eine Schrotschuss-Therapie sei. Die Begriffe "klassische" Homöopathie oder auch Einzelmittelhomöopathie grenzen sich davon ab, geben jedoch keine sicheren Hinweise zur Arbeitsweise. Eine Vorauswahl bei der Therapeutensuche bieten überprüfte Listen, zu nennen ist hier die Stiftung für Qualität in der Homöopathie. Oder/und Sie folgen persönlichen Empfehlungen.
Aus Sicht der klassischen Homöopathie ist es sinnvoll, Behandlungen klar zu strukturieren und nicht gleichzeitig zahlreiche unterschiedliche Methoden einzusetzen. Was teuer werden könnte und auch Fragen der Kompetenz aufwirft. Fünf oder sieben Sprachen fließend zu beherrschen ist weitaus leichter als zwei oder drei wirklich umfassende therapeutische Ansätze (wie bspw. Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda) wirklich gut zu kennen. – Wir haben Freunde auch unter Therapeuten anderer Prägung, was uns jedenfalls lieber ist als halbherzige Homöopathie.
Was wird behandelt?
Bekannt wurde die die Homöopathie im 19. Jahrhundert europaweit (und bald schon weltweit) durch ihre Behandlungserfolge bei Infektionskrankheiten wie Scharlach (damals schwere Verläufe), Fleckfieber oder Cholera. Aufgrund der damaligen hygienischen, medizinischen und epidemiologischen Bedingungen erlauben diese Berichte keinen direkten Vergleich mit der heutigen Gesundheitsversorgung.
Heutige Anwender setzen die Homöopathie im Akutbereich eher bei banalen Infekten sein, so beispielsweise Erkältungskrankheiten wie Schnupfen, Husten oder Blasenentzündung. Für lebensbedrohliche Zustände möchten wir selbstverständlich nicht auf die Errungenschaften der modernen Medizin verzichten. Bei chronischen oder wiederkehrenden Erkrankungen wie beispielsweise Allergien, Migräne, Infektanfälligkeit, Erkrankungen des Bewegungsapparates oder psychosomatischen Störungen werden heute gerne Ergänzungen gesucht, wenn Betroffene sich eine individuellere und zusammenhängende Betrachtung ihrer gesundheitlichen Situation wünschen.
Kann ich mich homöopathisch selbst behandeln?
Selbstbehandlung ist als erste Hilfe sowie bei einfachen und den Patienten bereits bekannten Akutbeschwerden möglich. Starke, plötzlich auftretende oder unklare und unbekannte Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden, notwendige ärztliche Diagnostik oder Behandlung darf nicht ersetzt oder verzögert werden. Weitere Gegenanzeigen der Selbstbehandlung sind eine bereits laufende homöopathische Behandlung, chronische Beschwerden sowie häufig wiederkehrende Akutbeschwerden. Vielleicht wundern Sie sich über diese Einschränkungen, weil es so viele schöne bunte Bücher zur Selbstbehandlung gibt, die solche Grenzen teils nicht zu kennen scheinen. Vergleichen Sie es einmal damit, welche Kenntnisse zur Reparatur beispielsweise eines Autos oder eines Computers notwendig sind. Wieviel komplexer sind doch die menschlichen Lebensvorgänge! Professionelle Homöopath/inn/en behandeln sich und ihre Familie bei chronischen Beschwerden eher nicht selbst, u.a. weil der Abstand eines "therapeutischen Gegenüber" fehlt.
Wer behandelt homöopathisch?
In Deutschland gibt es sowohl Heilpraktiker wie auch Ärzte, die klassisch-homöopathisch arbeiten. Bei Ärzten ist die schulmedizinische Ausbildung umfangreicher. Heilpraktiker werden vor ihrer Zulassung einer gesundheitsamtlichen Prüfung schulmedizinischer Kenntnisse unterzogen, die auf die Abwehr von Gefahren für Patient/inn/en ausgerichtet ist. Wo angebracht, wird an Ärzte / Fachärzte verwiesen. Heilpraktiker können sich in ihrer Ausbildung in manchen Fällen früher und gründlicher mit der Homöopathie befassen, was damit bei Ärzten aber auch nicht ausgeschlossen ist. Gerade für die Homöopathie ist eine umfassende, mehrjährige Ausbildung erforderlich. Aus unserem Gesundheitswesen sind homöopathisch qualifizierte Heilpraktiker/innen wie auch Ärzte/Ärztinnen nicht wegzudenken.
Solide Informationen zum Heilpraktikerberuf (nicht zur homöopathischen Qualifikation) gibt das im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium erstellte und 2025 veröffentlichte
"Empirische Gutachten zum Heilpraktikerwesen".
Wer eine homöopathische Behandlung sucht, kann bei der Therapeutensuche auf eine nachvollziehbar dokumentierte homöopathische Qualifikation achten. Eine solche Orientierung bietet die Therapeutenliste der
"Stiftung für Qualität in der homöopathischen Therapie" (SQhT),
deren Einträge auf überprüften Qualitätsstandards der beteiligten Fachorganisationen beruhen.
Weiterführende Seiten
- Häufige Fragen zur Homöopathie und zu Heilpraktikern
- Forschung zur Homöopathie – Evidenz ist nicht gleich Evidenz
Zum Autor:
Carl Classen ist seit 1992 als Heilpraktiker mit Schwerpunkt klassische Homöopathie tätig und arbeitet als Therapeut, Dozent und Supervisor.











