Homöopathieforschung: Welche Methode kann welche Erkenntnis liefern?
Was genau soll untersucht werden?
Nicht jede wissenschaftliche Methode kann jede Frage beantworten. Das klingt selbstverständlich, wird bei der Beurteilung medizinischer Forschung aber leicht übersehen.
Wer beispielsweise wissen möchte, ob eine Behandlung unter bestimmten Bedingungen einen bestimmten Effekt hervorruft, braucht eine andere Methode als jemand, der wissen möchte, wie sich eine Behandlung im Praxisalltag bewährt, welche Erfahrungen Patienten damit machen oder welche biologischen Vorgänge dabei eine Rolle spielen.
Auch die Homöopathieforschung bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Deshalb lohnt es sich, vor der Bewertung einzelner Studien zunächst die grundlegendere Frage zu stellen: Was genau soll untersucht werden – und ist die gewählte Methode geeignet, diese Frage zu beantworten?
Das richtige Messinstrument für die richtige Frage
Ein einfaches Beispiel macht das Prinzip deutlich: Mit einem Metermaß lässt sich die Länge eines Tisches bestimmen, nicht aber die Intensität eines Farbtons … oder gar die Tiefe des Schlafes 😉 Das Problem liegt nicht am Metermaß und auch nicht am Schlafenden, sondern darin, dass das Messinstrument nicht zur Fragestellung passt.
In der medizinischen Forschung ist die Situation naturgemäß wesentlich komplexer. Gesundheit und Krankheit sind keine einfachen Messgrößen. Je nach Fragestellung können unterschiedliche Aspekte im Mittelpunkt stehen: ein biologischer Mechanismus, ein einzelnes Behandlungsergebnis, die Entwicklung eines Patienten über längere Zeit oder die Frage, wie sich eine Therapie unter den Bedingungen des Versorgungsalltags bewährt.
Die Eignung und Grenzen einer jeden Forschungsmethode ist daher für die jeweilige Fragestellung zu prüfen, die sie beantworten soll. Den „einen Goldstandard“, der sämtliche Aspekte medizinischer Behandlung zugleich abbildet, gibt es nicht.
Grundlagenforschung: Was geschieht überhaupt?
Die Grundlagenforschung versucht ein fundamentales Verständnis medizinisch relevanter Vorgänge zu gewinnen, ohne unmittelbar nach einer praktischen Anwendung oder Therapie zu suchen. In der Medizin werden dazu beispielsweise Zellen, Gewebe oder Modellorganismen untersucht. Diese Art von Forschung kann Hinweise auf Wirkungszusammenhänge geben oder neue Hypothesen hervorbringen. Sie beantwortet jedoch nicht unmittelbar die Frage, ob eine Behandlung bei Patienten einen klinisch relevanten Nutzen hat.
Für die Homöopathie wurden unter anderem biologische Modelle und physikalisch-chemische Fragestellungen untersucht. Auch Fragen zur homöopathischen Potenzierung, zur Potenziertechnik, zur Wirkungsweise unterschiedlicher Potenzgrade sowie auch – dies scheint derzeit das schwierigste – Erklärungsmodelle sind mögliche Gegenstände der Forschung.
Die entscheidende Grenze: Bestimmte Laborergebnisse oder deren Ausbleiben können die klinische Wirksamkeit weder bestätigen noch widerlegen.
Klinische Forschung: Was geschieht bei Patienten?
Wenn eine medizinische Behandlung am Menschen untersucht werden soll, kommen verschiedene Studiendesigns infrage.
Eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT – randomized controlled trial) ist besonders dafür geeignet, unter möglichst kontrollierten Bedingungen Unterschiede zwischen zwei oder mehr Behandlungsgruppen zu untersuchen. Randomisierung bedeutet, die bestmögliche Vergleichbarkeit der Gruppen herzustellen durch eine Zufallsverteilung, die auf weitgehend übereinstimmende Verteilungsmuster in Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und weiteren Parametern eingestellt wird. Placebo-Kontrollgruppen sind heute die Ausnahme; aus ethischen Gründen und solchen der Arzneimittelzulassung wird häufiger eine neue Therapie mit einer etablierten Therapie verglichen.
Durch Verblindung, auch der Studienleitung, können bestimmte Erwartungs- und Beobachtungseffekte reduziert werden. Damit lässt sich beispielsweise untersuchen: Unterscheiden sich bestimmte Ergebnisse einer Behandlung unter diesen definierten Bedingungen von denen einer Vergleichsbehandlung oder eines Placebos?
Das ist eine wichtige Frage. Sie beantwortet aber bei Weitem nicht alles, was zur Einschätzung einer medizinischen Behandlung gefragt werden kann und sollte. Methodenbedingte Grenzen von RTCs liegen u.a. in der methodisch bedingten Begrenzung auf einen oder ganz wenige primäre Endparameter sowie in der Übertragbarkeit statistischer Ergebnisse auf die erwartete Wirkung einer Behandlung eines konkreten Patienten (hier der niederländische Psychiater De Jonge zu diesem Thema, ein Interview unter dem provozierenden Titel „Es gibt keine Depressionen„).
Und was geschieht im wirklichen Versorgungsalltag?
Beobachtungs- und Outcome-Studien sind ein weiteres Setting der klinischen Forschung. Beobachtungsstudien setzen näher am tatsächlichen klinischen Alltag an. Sie können beispielsweise untersuchen, wie sich die Gesundheit von Patienten unter einer Behandlung über längere Zeit und insgesamt entwickelt, welche Veränderungen sie selbst wahrnehmen oder auch, wie eine Behandlung im Alltag angenommen und durchgeführt wird.
Ihre Stärke liegt damit in einer anderen Fragestellung: Was geschieht bei Patienten unter den Bedingungen der tatsächlichen Behandlungen?
Daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen. Weil die Behandlungsbedingungen weniger stark kontrolliert sind und häufig keine Randomisierung erfolgt, können solche Studien allerdings in der Regel weniger sicher beantworten, ob die beobachtete Veränderung ursächlich auf die untersuchte Behandlung zurückzuführen ist.
Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage des jeweiligen Erkenntnisziels.
Versorgungsforschung ist ein nochmals weiter gefasster Begriff. Neben Beobachtungs- und Outcome-Studien kann die Versorgungsforschung beispielsweise auch sozialmedizinische Fragestellungen umfassen, wie etwa die Strukturen in unserem Gesundheitssystem, das Zusammenspiel verschiedener Gesundheitsberufe oder ganz praktisch die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten mit einer bestimmten Diagnose.
Was kann die Untersuchung eines einzelnen Patienten zeigen?
Forschung mit einzelnen Patienten („Einzelfällen“) ist methodisch anspruchsvoll, aber möglich. Relevant ist dies insbesondere bei sogenannten „seltenen Erkrankungen“ (orphan diseases), die für sich alleine selten, doch in der Summe durchaus häufig sind (laut BMG etwa 4 Mio Erkrankte alleine in Deutschland). Mit Vergleichsgruppen kann hier i.d.R. nicht gearbeitet werden.
Ein einfacher Fallbericht dokumentiert zunächst einen individuellen Verlauf. Daraus lassen sich interessante Beobachtungen und Hypothesen gewinnen; eine sichere Aussage über die Wirksamkeit einer Behandlung ist damit allein jedoch meist nicht möglich.
Anders können systematisch geplante Single-Case- oder N-of-1-Studien angelegt sein. Dabei kann ein einzelner Patient wiederholt unter unterschiedlichen, vorher festgelegten Behandlungsbedingungen untersucht werden. Je nach Fragestellung kommen beispielsweise randomisierte Reihenfolgen, Verblindung und der Vergleich einer Prüfbehandlung mit Placebo oder einer etablierten Behandlung infrage. Der Patient dient dabei gewissermaßen als seine eigene Kontrolle.
Solche Designs können gerade bei seltenen Erkrankungen eine wertvolle Ergänzung zu Studien mit größeren Patientengruppen darstellen.
Für uns bleibt die Sache interessant, weil es aus der Perspektive individualisierter Medizin – wie etwa der Homöopathie, aber auch der anthroposophischen Medizin – eigentlich nur Einzelfälle gibt. Dies weckt auch Interesse an der „Cognition Based Medicine“ – und zwar nicht etwa nur für Homöopathie-Patient/inn/en, sondern für die Gesamtmedizin.
Cognition Based Medicine – individualisierende Forschung zu Behandlungsverläufen
Zwischen dem klassischen Fallbericht und der großen randomisierten Studie gibt es weitere Möglichkeiten, individuelle Behandlungsverläufe systematisch zu untersuchen.
Ein Beispiel ist die Cognition Based Medicine (CBM). Sie richtet den Blick auf die Beziehung zwischen Ausgangssituation, therapeutischer Intervention und der Reaktion des Patienten. Anders als die EBM, die auf Statistik mit standardisierten Einzelparametern setzt, legt die CBM das erkrankte Individuum zugrunde und setzt auf die systematische Erkennung und Beobachtung individueller Gestaltmuster. Zur theoretischen Grundlage gehört die Gestalttheorie Karl Dunckers.
Die CBM setzt eine anspruchsvolle Dokumentation und Bewertung des individuellen Verlaufs voraus und ist entsprechend arbeitsintensiv. Dass solche Forschungsansätze bislang vergleichsweise wenig verbreitet sind, muss daher nicht bedeuten, dass die zugrunde liegende Fragestellung wissenschaftlich überholt ist. Auch der Aufwand der Datenerhebung und die Frage ihrer Finanzierung beeinflussen, welche Forschungsansätze in der Praxis tatsächlich verfolgt werden.
CBM stellt die Frage: Was lässt sich aus der individuellen Reaktion eines Patienten auf eine Intervention erkennen, wenn entsprechend dokumentierte Behandlungen mit einer hierfür entwickelten Methodik mit Blick auf die gesamte gesundheitliche Entwicklung betrachtet werden?
Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen
Einzelne Studien sind nur ein Teil des Forschungsstandes. Deshalb werden Studien systematisch zusammengetragen und ausgewertet.
Ein systematisches Review untersucht die vorhandene Literatur nach vorher festgelegten Kriterien und bewertet die einbezogenen Studien. Eine Meta-Analyse kann die Ergebnisse ausreichend vergleichbarer Studien – i.d.R. nach Vorauswahl der „besten“ Studien – zusätzlich statistisch zusammenführen.
Damit verschiebt sich die Fragestellung: Was lässt sich aus der Gesamtheit der verfügbaren Untersuchungen ableiten?
Eine Zusammenfassung mit statistischer Nivellierung erhöht allerdings noch nicht die Qualität der Ausgangsdaten. Entscheidend sind unter anderem die Qualität und Vergleichbarkeit der Studien, ihre Auswahl und mögliche Verzerrungen des gesamten Forschungsprozesses. Problematisch werden kann bei Meta-Analysen insbesondere, wenn ein eventuelles Vorwissen zum verfügbaren Datenpool erlaubt, die Auswahl-Kriterien dahingehend anzupassen, dass ein gewünschtes Ergebnis erscheint. Meta-Analysen können Schwächen einzelner Studien statistisch ausgleichen, sind andererseits aber auch selbst manipulationsanfällig.
Ein ebenfalls anerkanntes Format von Übersichtsstudien sind Health Technology Assessments (HTA). Diese betrachten den Forschungsstand zu einer medizinischen Intervention oder Methode gewissermaßen „synthetisch“ unter mehreren Gesichtspunkten, wie beispielsweise präklinische Wirkung, klinische Wirksamkeit, Sicherheit, Versorgung, Wirtschaftlichkeit, ethische und gesellschaftliche Auswirkungen. Ein interessanter HTA-Bericht zur Homöopathie liegt vor unter dem Titel „Homöopathie in der Krankenversorgung – Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit“ (Bornhöft/Matthiessen, 2006). Diese Rezension von mir aus dem Jahre 2007 fasst auch die Ergebnisse zusammen.
Forschung ist mehr als die Wahl eines Studiendesigns
Bei der Bewertung medizinischer Forschung sollte nicht nur gefragt werden, „ist das eine gute Studie?“.
Die Qualität einer Studie liegt nicht einfach an ihrer Gattung. Noch weniger sollte sie danach beurteilt werden, ob ihr Ergebnis uns gefällt. Sinnvoller sind beispielsweise die Fragen wie die Folgenden:
- Welche konkrete Frage sollte die Untersuchung beantworten?
- Welche Methode wurde dafür gewählt?
- Welche Art von Erkenntnis kann diese Methode überhaupt liefern?
- Welche Verzerrungen oder anderen Einschränkungen sind zu berücksichtigen?
- Wurden mögliche Verzerrungen angemessen diskutiert und Interessenkonflikte offengelegt?
- Wie fügt sich das Ergebnis in den übrigen Forschungsstand ein?
Gerade der letzten Frage wird heute eine große Bedeutung gegeben. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht selten aus einer einzelnen Untersuchung. Sie entwickelt sich nach heutigem Verständnis aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Untersuchungen, ihrer Wiederholung, Kritik und Einordnung – eine Art kollektiver Prozess.
Dies darf andererseits nicht zur Ablehnung von Forschungsansätzen oder Ergebnissen alleine deshalb führen, weil sie aus dem Rahmen des Üblichen fallen oder einer wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung widersprechen. Unbefangenheit, Offenheit und Kritikfähigkeit gehören zusammen und sind als menschliche Qualitäten nicht durch Algorithmen, Statistik (die ihre eigene Funktion hat) oder den gefühlten Konsens einer Community zu ersetzen.
Die verschiedenen Forschungsmethoden sind daher nicht einfach Konkurrenten. Eine Laboruntersuchung, eine randomisierte klinische Studie, eine Beobachtungsstudie und ein systematisches Review können unterschiedliche Fragen an denselben Gegenstand stellen.
Die entscheidende wissenschaftliche Frage lautet deshalb nicht nur: „Was hat diese Studie herausgefunden?“, sondern ebenso: „Was kann diese Studie aufgrund ihrer Methode tatsächlich zeigen – und was nicht?“.
Hinsichtlich der wissenschaftlichen Geltung bleibt im Hintergrund die sozialpsychologische wie auch erkenntnistheoretische Frage, welche Bedeutung dem Konsensgefüge einer „wissenschaftlichen Gemeinschaft“ zukommen kann – welchen Eigendynamiken diese Prozesse unterliegen und wo die Grenze zwischen begründetem Konsens und der Berufung auf Konsens als Autorität verläuft.
Die Homöopathie und ihre Beforschung liefern immer wieder Anlass zur Auseinandersetzung – und damit zur Reflexion über Methoden und Grundannahmen. Davon kann die Gesamtmedizin profitieren. Die Homöopathie braucht keine besonderen Forschungsmethoden. Sie kann aber sichtbar machen, wo unser Gesundheitswesen – einschließlich Wissenschaft und Forschung – einige Gewichte womöglich neu verteilen sollte.
C. Classen (2026)






