„Homöopathische Behandlungen wirken allein aufgrund des Placebo-Effekts.“
So hört man es heute häufig. Menschen erwarten eine Wirkung – und können sie deshalb auch erleben. Das scheint einleuchtend, zumal bei homöopathischen Arzneimitteln eher nicht von den pharmakologisch üblicherweise substanzgebundenen und zumeist biochemischen Wirkmechanismen auszugehen ist. Und dann wird häufig genau da, wo es interessant werden könnte, nicht mehr weiter gefragt.
Gerade weil die Placebo-Erklärung so unmittelbar einleuchtet, kann sie auch zum gedanklichen Filter werden: Befunde, die nicht in dieses Erklärungsmuster passen, werden möglicherweise vorschnell als unplausibel eingeordnet. Damit stellt sich eine zweite Frage: Wie plausibel kann eine spezifische Wirkung der Homöopathie überhaupt sein, wenn kein anerkannter Wirkmechanismus bekannt ist?
An diesem Punkt kommt die Grundlagenforschung zum Tragen. Experimente mit hochverdünnten homöopathischen Präparaten an biologischen Systemen – etwa an Pflanzen – können beispielsweise die Frage untersuchen, ob potenzierte Substanzen unter kontrollierten Bedingungen spezifische Effekte zeigen und welche Erklärungen dafür in Betracht kommen. Da gibt es hoch interessante Beobachtungen. Siehe meinen Beitrag „Homöopathie in Wissenschaft und Forschung — Evidenz ist nicht gleich Evidenz„ samt dortigen Quellenreferenzen. Die Grundlagenforschung beantwortet allerdings noch keine Fragen zur Wirksamkeit am Menschen. Dafür kommt die im gleichen Beitrag beleuchtete klinische Forschung in Betracht. Interessant ist die Grundlagenforschung aber im Kontext von Fragen zur Plausibilität arzneilicher Wirkungen potenzierter Substanzen, was dann auch die Plausibilität von Ergebnissen klinischer Forschung berührt und ebenso – das ist eine nochmals andere Ebene – den berechtigten Status homöopathischer Zubereitungen als Arneimittelstatus unterlegt.
Sind Homöopathen durch das besondere Setting homöopathischer Anamnesen – und sei dies unbewusst – besonders geschickt darin, Placebo-Effekte zu optimieren? Nicht nur Kritiker, sondern auch Vertreter der Homöopathie – insbesondere Prof. Harald Walach (hier 2003), der eine erweiterte Betrachtung von Feld- und Kontext-Effekten anregt – beweg(t)en diese offene Frage. Nuhn et al (2010) unternahmen erstmals eine systematische Untersuchung zu dieser Fragestellung. Die Forscher wählten zunächt aus 35 randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien zur Homöopathie die 25 für diese Fragestellung brauchbarsten aus und verglichen jede davon mit jeweils drei den Fragestellungen nach vergleichbaren („gematchten“) konventionellen Studien. Bei 13 der untersuchten Vergleiche war der Placeboeffekt in den homöopathischen Studien größer, bei 12 kleiner; insgesamt waren die Unterschiede nicht statistisch signifikant. Auch Untergruppen-Analysen zeigten keinen signifikanten Unterschied. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Placeboeffekte in den untersuchten Studien zur klassischen Homöopathie nicht größer erschienen als in Studien zu konventionellen Arzneimitteln.
Davon abgesehen ist die Placebo-Forschung selbst ein hoch interessantes Gebiet.
Sie zeigt, dass Placeboeffekte weitaus komplexer sind als Effekte eines möglichen „Glaubens“ an eine Behandlung. Sie untersucht die Wechselwirkungen und das Zusammenspiel von Erwartungshaltung und Wahrnehmung, Kommunikation und therapietragender Beziehung, psychologischer Eigenwirksamkeit und körperlichen Prozessen. Gutes therapeutisches Vorgehen nutzt solche sogenannten Kontexteffekte bewusst oder unbewusst – gleich, ob in der komplementären oder in der konventionellen Medizin. Das macht die Placebo-Hypothese wissenschaftlich interessant, aber nicht automatisch zu einer vollständigen Erklärung für alle Beobachtungen in der Homöopathie.
Kontexteffekte dürfen und sollten wir als Therapeut/inn/en nutzen. Ganz gleich, was unsere medizinische Ausrichtung ist und es ist kein Makel, wenn wir oft selbst nicht wissen, welche Art von Effekt welchen Anteil an einem Heilungsprozess hat.
Carl Classen (2026)
