Quellenerlebnisse – verbieten verboten!

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Quellenerlebnispfad

Welche Quelle entspringt dem Waldboden mit einem Zertifikat in der Jacke? Haben Sie je eine gesehen?

Und welche „Erlebnispädagogik“ vermitteln Verbotsschilder und verunsicherte Eltern den Kindern, die das schöne Angebot eines ausgewiesenen Quellen-Weges, wie hier im Albtal (Nordschwarzwald) durchaus gerne annehmen?

Aus den hier fotografierten Quellbrunnen und aus vielen anderen habe ich oft getrunken und Flaschen in die Fahrradtaschen gepackt. Gesundheitlich fühlt sich das für mich besser an, als aus Leitungen oder gekauften Flaschen zu trinken. Ich komme nicht jeden Tag zu solchen Brunnen, und natürlich sind das völlig subjektive Aussagen. Aber die Sensorik, die Art der Durstlöschung empfinde ich anders. Aus Quellen und quellnahen Brunnen trinke ich einfach lieber und mein Geschmackssinn öffnet sich, interessiert sich für das Wasser. Kinder aber verbinden sich auf ihre Weise, spielen versonnen, werden ausgeglichen lebhaft, bauen den Wasserlauf auch mal um. Was prägen falsche Verbote ins Unterbewusste?

Hedwigsquelle
Hedwigsquelle bei Ettlingen. Das „KEIN“ (Trinkwasser) auf dem Schild hat schon jemand fast unlesbar gemacht.

Wehe dem, aus dessen Boden etwas sprudelt, flüssig, klar und trinkbar aussieht, er dies selber nutzen will oder das Wasser gar öffentlich zugänglich ist! Der nasse Segen muss erstmal genehmigt und regelmäßig teuren, amtlich besiegelten Labor-Prüfungen unterzogen werden. Andernfalls riskiert der Grundstückseigner hohe Strafzahlungen und ist rundum haftbar für alles, was passieren könnte, wenn ein Mensch auf die merkwürdige Idee kommt, das zu tun, was Mensch und Tier eigentlich immer schon pflegten: ihren Durst zu stillen. Jährlich oder zweijährlich vierstellige Beträge kann und will nicht jeder zahlen und oft wäre auch damit keine Genehmigung möglich. Denn bei auch bei guten Quellen mit unverdächtigem Einzugsgebiet kann ein starker Regenguss vorübergehend weniger reines Oberflächenwasser einspülen.

Stadtnahe und städtische Brunnen sind, sofern noch vorhanden, eigentlich immer an das öffentliche Versorgungsnetz angeschlossen, aber häufiger läuft nur Umwälz-Deko. Durstiger Wanderer zu Fuß, Pferd oder Rad: suche nicht lange bei Markt, Kirche oder Rathaus, gehe gleich zum Friedhof im Städtchen, dort findet sich fast immer ein flüssiges Hähnchen! Für das Stadtmarketing sind wir keine Zielgruppe. Die da verwalten, die wissen oft zu wenig, was einen Ort lebendig macht. So gelangen allerorten Warnschilder auf unschuldige Quellbrunnen und nicht dorthin, wo sie viel eher hin gehören, wie beispielsweise auf „Erfrischungsgetränken“ mit erheblichem Zucker-Gehalt oder schlimmeren Süßstoffen.

Vor über 40 Jahren lernte ich beim DAV (Deutscher Alpenverein), wie man ein steiles Schneefeld sicher quert oder welche Schneefelder besser gar nicht, und auch aus welchen Quellen man trinken kann. Wie man Oberflächenwasser erkennt und den Blick, ob dort Tiere weiden; dann müsste man abkochen. Heute aber pflegt man den DAV (dümmsten anzunehmenden Verbraucher), eine hoch gefährdete Spezies, die man gar nicht genug schützen kann. Je mehr Vorschriften, desto sicherer. Warum lassen wir uns von ganz anderen, für unsere Existenz weitaus bedeutenderen Gefahren und Chancen so ablenken?

Seit Menschen auf der Erde sind, bedeutete ihnen Wasser vor allem LEBEN. Heute ist es dies nicht weniger, in den Rahmenbedingungen der modernen Gesellschaft entschwindet es nur leichter dem Bewusstsein. Für ein bestimmtes Denken jedoch ist „Wasser“ ein PRODUKT, eine Ware, die durch einen Marktwert und durch chemische, physikalische und bakteriologische Eigenschaften bestimmt ist. Immer mehr als Ware wird Wasser kontrolliert, organisiert, angeboten und einem strikten Qualitätsmanagement unterzogen. Dieses Denken kommt keineswegs alleine von kapitalistischen Wasserspekulanten und „Wasserbeamten“. Letztere setzen, mit wenig Spielraum, nur anderweitig eingerichtete, in bestimmtem Kontext auch notwendige Regelungen durch. Die Auswüchse entspringen gleichermaßen der Konsum- und Vollkasko-Mentalität des lebensfremden modernen Verbraucher-Menschen, die zusammen mit den Denkformen des Geldes einen Circulus vitiosus, einen Teufelskreis vorgeblicher Sachzwänge bildet. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, dass teilweise genau die gleichen Konzerne, die „Erfrischungs-Getränke“ mit fragwürdigen Inhaltsstoffen herstellen, ganz bewusst die Entwicklung des Lebensträger Wasser von der natürlichen Ressource zum vermarktbaren „Produkt“ befördern. Unterstützt von Gemeinden, die ihre Wasserversorgung und weitere Infrastrukturen an global agierende Investoren verkauft haben, die wir womöglich mit „Lebensversicherungen“ und ähnlichen Anlagen finanzieren. Da sehen wir nur die Spitze des Eisbergs.

geheimer Quell

Derweil gibt es ein anderes Phänomen, das vordergründig rein gar nichts damit zu tun hat: Immer mehr Quellen und immer mehr Brunnen, seien dies gefasste Quellen oder traditionelle Tiefbrunnen, trocknen ganz einfach aus! In Odenwald, Kraichgau oder Schwarzwald, wo ich hinkomme sehe ich zunehmend Brunnen und Quellen, die auch in feuchten Jahreszeiten träge tröpfeln oder gänzlich trocken gefallen sind. Klimaveränderungen, Vegetationszyklen und die Verdichtung des Waldbodens durch immer schwerere Wald-Erntemaschinen tragen als äußere Ursachen ihren Teil bei. Aber schon alte Sagen berichten davon, wie Quellen versiegten, wieder flossen oder sogar gänzlich neu entsprangen, wie manche überraschend als heilkräftig entdeckt wurden oder aber, durch weniger schöne Umstände, ihre einstige Heilkraft verloren. Jedenfalls müssen Brunnen gepflegt werden. Wer hat nicht schon einmal gesagt „da habe ich geschafft wie ein Brunnenputzer“? Nur, wer hat wirklich schon einmal einen Brunnen geputzt? Das kann richtig Arbeit sein, und wie jedem alten Handwerk, liegen innere Entsprechungen nicht fern. Wie sieht es aus mit unseren inneren Quellen und Brunnen? Vielleicht fühlen wir uns müde, erschöpft und ideenlos, wie ausgetrocknet, und kommen nicht mehr an das nur wenig tiefer frei strömende Grundwasser.

Bei Brunnen gibt es meistens etwas zu tun. Um Brunnen herum sammeln sich gerne Menschen, jedenfalls bei alten Brunnen war das so, an den Brunnen traf man sich, ganz ohne WhatsApp, und natürlich nutzte man das Wasser. Manche Quellen wurden als besondere Orte wahrgenommen und man brachte ihnen Achtung und eine gewisse Scheu entgegen. Heilende und heilige Quellen waren bekannt, an denen die ein- oder andere Erscheinungsform der Göttin geehrt wurde, so dass ein Bezug entstand, sicherlich auch zu den Quellen in uns. Ist ein wo auch immer gekauftes Heilwasser das Gleiche?

Ähnliche Fragen können wir zu heutigen „Medizinprodukten“ stellen, auch zu solchen auf natürlicher Basis. Für die Marktzulassung fordern die Behörden ein striktes Qualitäts-Management, Zertifizierungen und umfassende Daten zu Labor-Analytik, Toxikologie, Wirkung und Wirksamkeit sowie Anwendungsbeobachtung, aber die von uns gewünschten Qualitäten können auf der Strecke bleiben. Was ist dann ein Medizinprodukt, was ist eine Arznei? Manchmal weiß ich es selber nicht.

Regenbogen

Ich bin der Produkte müde. Was soll dieser Händler-Geist in allem und jedem, dieses merkwürdig schiefe Gleichgewicht der Marktschreier und der Aufpasser. Es schmerzt mich, wenn Marketing-Dynamiken, irgendwann gefolgt von Kontrollmechanismen, auch dort überhand nehmen, wo eigentlich etwas ganz Anderes entstehen möchte. Dort, wo es dringend Freiräume braucht, wie dies in Kunst, Kultur, Spiritualität, Bildung, Therapie, eigentlich allen sogenannten Human-Bereichen der Fall ist. Beitragen kann ich nur meinen Teil und das bleibt ein fortgesetzter Balanceakt, denn auf einem „Markt“ bewege ich mich nicht weniger.

Ich liebe die stillen, die unbezahlbaren Quellen. Ruhig sitzend dem Atem zu lauschen, getriebenes Denken loszulassen und wahrnehmend präsent in ein Bewusstsein zu gleiten, das Gedanken, Empfindungen und Impulse zunächst nur beobachtet wie Naturerscheinungen. Ich liebe das Baden in der Stille und in jenem anderen Lichte, ohne das weder ich noch irgendein Bewusstsein einen Augenblick lang existieren würde, nur dass sich diese Tatsache der gewohnten Aufmerksamkeit entzieht. Und ich spüre den Verlust, wenn ich diesen Zugang nicht mehr finde. Dann darf ich eben wieder Brunnenputzen.

RotwasserIch liebe das stille Gespräch auch mit dem Lebendigen in der Natur „da draußen“, da alles darin in jener unmittelbaren Verbindung steht, die wir Menschen uns erst neu und viel bewusster erringen müssen. Ich sehe keinen Baum mittleren Alters, der nicht auch gezeichnet wäre von dem, was auf der Erde insgesamt geschieht, und selbst Wolken und Wetter spiegeln das ein und andere milde zurück, nicht nur aufgrund erhöhter Kohlenstoff-Werte. Und doch ist da ein großes Ganzes, das trägt und spielt, schenkt und nimmt, lehrt und Grenzen zeigt, in stetem Austausch und doch gänzlich unsentimental ist, sich sehr freut wahrgenommen zu werden und uns durchaus gerne an allem teilhaben lässt. Auch dies ist unsere Familie und soziale Gemeinschaft. Denn der MENSCH ist untrennbarer Teil der Natur, die in ihm nochmals neu und anders zu sich selbst erwachen möchte und damit zur Geburt einer Freiheit kommt, die die Natur so bislang nicht kennt.

Dies ist der schöpferische Mensch, der inmitten der Quelle allen Lebens steht und selbst eine ist.

Ich rede von nichts Geringem, nicht von den millionenfachen Illusionen der Freiheit. Die Erde will nicht mehr nur dulden und warten. Lasst uns zumindest gute Quellenforscher sein.

C.C., Juli 2018