Hochspezifische Placebos, Purzelbäume der Skepsis und ein missbrauchter Erde-Tag am 22. April

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Beispiel Homöopathie: Spezifisch wirksame „Placebos“ lassen weiter forschen

spezifische Placebos sind natürlich keineFür bestimmte Gruppierungen scheint die Absurdität der Homöopathie so selbstverständlich wie der Papst katholisch. Mit dem kleinen Unterschied, dass ein Papst Letzteres nicht täglich in die Zeitung schreiben muss. Während selbst ernannte Skeptiker sich wirklich anstrengen, ihre Aussagen zur Homöopathie als ihrem Lieblings-Ärgernis gebetsmühlenartig zu wiederholen, und eine Filterblase pflegen, in der nicht konforme Forschung ignoriert oder aber nach den besten Regeln der Ingenieurskunst eher zerlegt als widerlegt wird. Auch vor politischer Beeinflussung „von oben herunter“ auf staatlich beauftragte Meta-Analysen schreckt man nicht zurück (1). Dabei mag die Kritik mag ja recht haben: Vielleicht praktizieren wir Homöopathen alle nur eine Placebo-Therapie. Aber warum sind unsere hoch spezifischen Placebos in vielen Fällen so wirksam und erfolgreich, auch in manchen konventionell „austherapierten“ Fällen, dass andere Behandler und beispielsweise Psychotherapeuten – die ja keineswegs überflüssig sind, hier nur genannt, da uns die Wirkung guter Gespräche ja nicht abgestritten wird – mitunter neidisch werden könnten? Warum haben unsere bloßen Patientenkontakte derart magische Wirkungen auf Mensch und Tier, gleich welchen Glaubens oder Nicht-Glaubens? Wenn das so ist, dann darf und sollte man weiter forschen. Es sei denn, man hätte Angst, ausgerechnet die Freiheit von Wissenschaft und Forschung würde uns in die finsteren Abgründe mittelalterlichen Aberglaubens zurückwerfen. Tatsächlich gibt es diese Ängste und auch schon den passenden Bannfluch: das Konzept der „Scientabilität“, ein Kunstwort für „Wissenschaftswürdigkeit“, 2013 von dem Journalisten und Biologen Christian Weymayr vorgeschlagen (2). Forschung zu bislang nicht hinreichend fassbaren Gegenständen, alles was unser gut eingerichtetes Weltbild erschüttern könnte, hat zu unterbleiben. Wer so redet, hat von Grund auf nicht verstanden, was Wissenschaft überhaupt ist. Missbraucht werden heute genauso die Begriffe der Aufklärung und des Humanismus, aber dazu später.

Gesunde Skepsis, schräge Faszinationen und der Markt der Nachrichten

SpiegelWer aber sind die Skeptiker, oder besser Skeptizisten, die sich so merkwürdig auf die Homöopathie eingeschossen haben? Ärzte sind es nur in seltenen Ausnahmen. Jedenfalls ein eigenes Völkchen, getrieben von der schrägen Faszination an Gegenständen (oder eher wirren Spiegelbildern?), an die sie nicht glauben, und gewürzt mit den heiteren Freuden unschuldiger Selbstgerechtigkeit. Äußerlich gewaltfrei, aber doch erfüllt vom unvermeidlichen Missionierungsdrang jener, die zu allen Zeiten der Geschichte, wenn sie schon geistig keinerlei Zeugnis zu geben vermögen, doch wenigstens missionierend ihre Art fortsetzen. Verordnen möchte ich diesen Spiegelfechtern und allen ideologisierten Skeptizisten eine Dosis Skepsis an den Grenzen ihres eigenen Erkenntnis-Rahmens, hoch verschüttelt natürlich. Philosophische Skepsis als Heilmittel, unter den gegebenen Umständen zur täglichen Einnahme in reinstem Wasser. Auch manchen Kollegen zur Selbstanwendung, aber das ist eine andere Debatte. Gesunde Skepsis bedeutet, Fragen richtig zu stellen. Das gehört zur mentalen Hygiene eines jeden denkenden Menschen und ist das vermutlich wirksamste Antidot gegen jeden Pseudo-Skeptizismus.

Spiegelfechterei und Ideologie rechne ich zur psychologischen Phänomenlogie der Angelegenheit, die zu einer philosophischen Sache und damit auch zur Selbstreflexion, bevor man solche debattiert, zunächst erst erhoben werden müsste. Die Überzeugungen der Skeptizisten sind nicht gekauft. Dass unsere Leitmedien bestimmte Nachrichten annehmen und andere nicht veröffentlichen, liegt weniger an direkter Beeinflussung als an den Grenzen, die dem freien Journalismus auf einem Nachrichten-Markt gegeben sind, der den Interessen der Medien-Konsumenten und teils auch Anzeigenkunden unterliegt. Für Berichte zu möglicherweise nicht banal zugänglichen Themen kann und möchte man nicht in aufwändige Hintergrund-Recherchen investieren, sondern nimmt den Stoff so, wie sich eine leicht verkäufliche Story daraus machen lässt.

Professionelle Agenturarbeit gegen einen Geschäftszweig fast im Promillebereich

GlobuliUnschwer erkennbar ist gleichwohl die hohe Professionalität der Agentur-Arbeit, die hinter den Auftritten und Aktionen der organisierten Skeptizisten, ihrer Netzwerke und ihrer politischen Kommunikation und Lobbyarbeit steckt. Das gibt es nicht zum Nulltarif. Wir wissen nicht, wer die Geldgeber sind. „Die“ Pharmaindustrie als Ganzes kommt nicht in Frage, denn Teile derselben beteiligen sich völlig selbstverständlich am Markt komplementärmedizinischer Arzneimittel. Als Konkurrenz sind Homöopathie und Komplementärmedizin einfach zu schwach, um von Pharma-Riesen ernst genommen zu werden. Aber einige Arzneimittelhersteller haben zunehmend eigene Probleme damit, die Wirksamkeitsnachweise zu erbringen, die notwendig sind, um neue Arzneimittel auf den Markt zu bringen (3). Deren patentrechtlicher Schutz läuft weltweit schon nach 20 Jahre ab (4), die für Studien und Zulassungsverfahren erforderliche Zeit ist dabei mitzurechnen. Zudem beobachten die Hersteller eine Einnahme-Müdigkeit vieler Patienten; bis zu 50% der verordneten Medikamente landen in Deuschland im Müll (5). Eine weggeworfene Arznei ist genauso eine verkaufte Arznei, aber die Wegwerf-Quote spiegelt teils auch eine gar nicht erwünschte Skepsis der Patienten. Hinzu kommen hausgemachte Image-Probleme der Pharmaindustrie, durch Skandale von Contergan bis Duogynon und Lipobay. Homöopathie-Skeptiker könnten eine recht nützliche Truppe sein, wenn es gilt, von nicht geringen eigenen Evidenz- und Image-Problemen abzulenken und den Glauben an den allmächtigen Fortschritt wieder zu festigen. Feindbilder einer mächtigen und manipulativen Pharmalobby werden kommunikationstechnisch geschickt auf das sogenannte „Millionengeschäft mit der Homöopathie“ umgelenkt, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Kostenanteil der Homöopathie in unserem Gesundheitswesen nahe dem Promillebereich bewegt. Wer unterscheidet da schon Millionen und Milliarden. Die Ablenkung von Image-Problemen dürfte die eine oder andere Spende wert sein. Genau wissen wir es nicht. Es kann völlig genauso andere, weltanschaulich oder politisch oder wie auch immer motivierte Spender geben.

Nicht gefühlte Erde und das Wissenschafts-Phantom selbst ernannter Humanisten

Erde fühlenDen Medien-Konsumenten leicht verkäuflich sind nicht nur Skandale, sondern inzwischen auch eine teils etwas künstlich inszenierte Polarisierung zwischen einem Kampf zwischen „der“ Wissenschaft, die lediglich der Öffentlichkeit besser zu vermitteln wäre – als ob es „die“ Wissenschaft so überhaupt gäbe – und andererseits der reaktionär antiwissenschaftlichen Haltung bekannter christlich oder islamisch fundamentalistischer Kreise sowie reaktionär narzisstischer Autokraten wie Mugabe, Orban, Erdogan oder Trump. Wer wird da nicht leicht Partei ergreifen? Es war ein propagandistisch geschickter Coup selbst ernannter Humanisten, Vertretern eines erklärterweise anti-spirituellen (6) „Humanismus 2.0“, ihren „March for Science“ und weltweite Demonstrationen auf den 22. April und damit ausgerechnet auf den 1970 von Umweltschützern initiierten „Earth Day“ zu legen. Passt vielleicht für Leugner des Klimawandels. Das Statement des US-amerikanischen Earth Day Network (nicht der deutschen und anderer Earth-Day Organisationen!) aber singt ein Loblied naivster Fortschrittsgläubigkeit: „Wissenschaft dient uns allen, sie beschützt Luft und Wasser, sie bewahrt unseren Planeten, rettet Leben durch ärztliche Behandlungen, schafft neue Industrien, füllt unsere Teller mit Essen, erzieht die nächste Generation und sichert unsere Zukunft“ (7), und thematisiert dabei nicht einmal die Ambivalenz bestimmter Forschungen und die damit verbundene ethische Verantwortung. Unter den Tisch fällt jede Differenzierung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sowie die Tatsache, dass alle Wissenschaften methodisch in stetem Fluss und Wandel sind: „die“ Wissenschaft gibt es eben nicht. Unter den Tisch fällt die dringende Notwendigkeit, gerade in den Wissenschaften umzudenken, sich Geist und Leben auf neue Weise anzunähern. Denn gerade der Mangel an Empfindungsfähigkeit für Geist und Leben, der Mangel an Empfindungsfähigkeit für das Wesen der Erde und manche tieferen Schichten des Mensch-Seins, dieser Verlust und die Konzentration auf ein einseitiges, der Kontrolle und Beherrschung der Natur dienendes Wissen hat unsere zivilisatorische Entwicklung an einen Punkt gebracht, der die menschliche Zukunft und Existenz der Menschheit insgesamt bedroht. Was nicht gedacht und nicht gesehen wird, das empfindet niemand mehr. Ähnlich manchen Krebs-Arten, tut es nicht weh und betrifft uns scheinbar nur sehr abstrakt.

Wissenschaften weiter denken, statt verschwörungstheoretischem Abseits

Wissenschaften weiter denkenUnter den Tisch fällt die Notwendigkeit, unsere Wissenschaften nicht propagandistisch, sondern für echte Weiterentwicklungen zu öffnen, bis dass wir Lebens-Anschauungen gewinnen, die uns nicht unserer selbst mehr entfremden. Das braucht eine neue erkenntnistheoretische und methodische Diskussion. Wissenschaft ist und kann viel mehr, als immer noch von den Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts geprägte Weltbilder glauben machen. Wo ist denn etwa der Logos des Lebens in der heutigen Bio-Logie, die vom Leben kaum mehr als die Mechanismen und Prozesse der Selbsterhaltung und Reproduktion kennt, und zeigt wie diese zu manipulieren und auszunutzen sind. Nicht falsch, sondern einseitig und damit auch arm sind unsere Weltbilder geworden. Eine Verarmung, die sich in Einseitigkeiten einer naturwissenschaftlich geprägten Medizin fortträgt. Einer Medizin, die manches kann, auf das wir nicht verzichten wollen, die aber doch eben einseitig geworden ist. Einseitige sind wir heute! Bei Weitem nicht nur in der Medizin. Damit rede ich nicht jenem doppelten Salto rückwärts das Wort, den wir in den reaktionären Bewegungen finden, die ihre Kränkung, Fortschritts-Verlierer zu sein, mittels kollektiver nationaler oder pseudo-religiöser Schein-Identitäten kompensieren. Ähnlich problematisch scheint mir der krude Mix mancher Verschwörungstheorien oder Verschwörungs-Aufklärungsversuche. Die Gefühle weitläufiger Manipulation und Steuerung auch hinter den Kulissen halte ich nicht für Halluzinationen. Wohl aber manche aus Schnipseln der Information und Desinformation wild zusammengerührten Weltbilder, die als solche allenfalls den schalen Trost überlegenen Durchblicks spenden. Schon in der Antike sowie vor den Weltkriegen waren konspirative Narrative beliebte Instrumente der Verschwörungspraxis, um des Volkes Stimmungen im Machtinteresse zu lenken, und wurden allzu leicht zu Selbstläufern. Viele potenziell kritische Stimmen schießen sich heute ganz von selbst ins Abseits: Operation gelungen?

Mut weise zu sein … trotz verratenem Erde-Tag

Sapere aude – wage zu wissen und weise zu sein, wage auch „Aufklärung“ neu zu denken – das darf auch hier gelten. Echte Aufklärung reduziert die Welt nicht auf der Verstandeskontrolle unterliegende Surrogate. Sie zielt nicht auf ein entfremdendes Beherrschungswissen, sondern auf Freiheit des Geistes und auf den mündigen Menschen. Die unterschiedlichen Strömungen in der vor rund 250 Jahren stattgefundenen Aufklärungsbewegung strebten nach Befreiung von weltanschaulicher Bevormundung, nicht notwendigerweise gegen Spiritualität an sich. Wenn man auf Vernunft und Verstand setzte, schloss dies ein Verstehen und Vernehmen mit ein und nicht die Reduktion der Welt auf mathematische Operatoren. Echter Humanismus will Menschen-Bildung in einem umfassenden Sinne, auch in der respektvollen Begegnung der Kulturen und ihrer Schätze, verständigt auf gemeinsame Werte jenseits ethnischer oder konfessioneller Grenzen, will Würde und Entfaltung des Menschen in allen seinen Fähigkeitsbereichen. Lassen wir uns Aufklärung und Humanismus also nicht von den Geistern der Einseitigkeit definieren. Auch mit keinem „March for Science“, nicht von After-Humanisten und schon gar nicht an einem „Earth Day“. Denn die Erde, das sind auch wir, unser Leib und unser Leben. Die Erde ist unsere Grundlage und Lernstätte, die wir nicht verlassen können, nicht aufgeben und restlos übergeben an die Habgierigen und an jene, die schon alles Notwendige zu wissen glauben. Unser Geist mag den ganzen Kosmos umfassen: auch das darf ein Gegenstand der Forschung, nicht nur der Philosophie und Religionen sein. Aber geschmiedet wird das Eisen, werden die Metalle auf der Erde und auf keinem Flucht-Planeten. Hier kann, darf und will unser Geist in Richtung Wesenserkenntnis aufwachen und Gesundheit schaffend mutig an die Arbeit gehen, bevor es zu spät ist.

C. C., Ostern 2017

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Fußnoten und Quellen:

(1)  Warum müssen groß angelegte, in staatlichem Auftrag durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen zur Homöopathie, die die gesamte aktuelle Forschungslage wiedergeben sollen, grob manipuliert und notfalls „wiederholt“ werden, um zum gewünscht negativen Ergebnis zu kommen? Das hatten wir schon 2005 in der Schweiz bei der Egger/Shang Meta-Analyse, als die Homöopathie politisch nicht willkommen war. Massive Unregelmäßigkeiten deckte das „Homeopathy Research Institute“ HRI nun auch beim Homöopathie-Bericht der Australischen Gesundheitsbehörde NHMRC von 2015 auf:

  1. Der Bericht der australischen Behörde NHMRC wurde zweimal erstellt.
  2. Die Existenz des ersten (positiven!) Berichts wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.
  3. Das NHMRC behauptete, es hätte 1800 Studien „rigoros ausgewertet“. Tatsächlich wurden nur 176 Studien einbezogen und davon lediglich 5 Studien ausgewertet.
  4. Der Leiter der zweiten Studie verschwieg einen Interessenkonflikt als Mitglied einer Anti-Homöopathie Lobby-Gruppe.
  5. Entgegen den eigenen Richtlinien des NHMRC war kein Homöopathie-Experte im Untersuchungsausschuss.

(2) Harald Walach, 2014: Fasnachtswissenschaft, Warum „Szientabilität“ ein Unwort ist – http://harald-walach.de/2014/03/13/fasnachtswissenschaft-warum-szientabilitaet-ein-unwort-ist/

(3) Silberman, 2009: Placebos are getting more effective – https://www.wired.com/2009/08/ff-placebo-effect/

(4) Verband forschender Arzneimittelhersteller vfa: Patente für Arzneimittel – https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/artikel-arzneimittel-forschung/patentschutz.html

(5) ver.di-publik 2007: Die große Verschwendung – https://publik.verdi.de/2007/ausgabe_03/gesellschaft/zukunft/seite_16/A0

(6) American Humanist Association: What is humanism? – https://americanhumanist.org/what-is-humanism/

(7) Earth Day Network, March for Science – http://www.earthday.org/marchforscience/

Nachtrag, nach weiteren Recherchen:

Der „March for Science“ wird nur von dem US-amerikanischen „Earth Day Network“ unterstützt. Wohl auch parteipolitisch motiviert. Nicht aber von anderen Vereinigungen, die den 1970 ins Leben gerufenen „Earth Day“ organisieren. Die ebenfalls international tätige kanadische Organisation www.earthday.ca und das deutsche Earth Day Kommittee www.earthday.de wiesen Anfragen der Wissenschafts-Marschierer zurück. EIne andere kritische Stimme:
http://www.spektrum.de/kolumne/ein-gespaltenes-verhaeltnis-zum-march-for-science/1449531

Oder https://earthday.ca/trademark/ :

„In den USA wird der Begriff Earth Day als frei verwendbar betrachtet. Somit kann jeder und es können auch profitorientierte Unternehmen diese Wörter verwenden, um für den Verkauf ihrer Produkte oder Dienstleistungen zu werben oder ihr öffentliches Erscheinungsbild aufzupolieren, selbst wenn ihre Produkte oder Dienstleistungen überhaupt nicht umweltfreudlich sind. Dadurch hat der Begriff „Earth Day“ in den USA seinen Wert verloren und hat öffentlich keinen Zusammenhang mehr mit einer Verantwortung für die Umwelt.“