Sprache, Unsprache und warum ich keine Gender-Sternchen verwende

Liebe Leserin, lieber Leser!

Kurz: Auf dieser Website stehen die männliche Form, seltener die weibliche für beide Geschlechter. Es sei denn, aus dem Kontext geht ausdrücklich anderes hervor. Gelegentlich nenne ich auch beide Formen (und bis vor kurzem auch das große „Binnen-I“). Ich gehe davon aus, dass ein jeder Mensch unterschiedliche Anteile hat – ohne das Zusammenspiel von „Männlichem“ und „Weiblichem“ würde nicht eine einzige Zelle im Organismus funktionieren – und so ist jede denkbare intrapersonelle Rekombination mit eingeschlossen. Ein Minimum an Abstraktionsvermögen halte ich für zumutbar.

Venus

Es ist mir ein tiefes Anliegen, jedem Menschen an sich und in jeder Geschlechtlichkeit gerecht zu werden. Aber diese Sternchen haben etwas furchtbar Ent-Persönlichendes. Sie überschreiten „Toleranz“ in Richtung Warenhaus-Beliebigkeit, zur Pseudo-Toleranz der Austauschbarkeit. Ein drittes, viertes, fünftes Geschlecht ist einfach unwahr, ungeachtet dessen, dass wir Anteile von allem in uns haben und sicher nicht alle Provinzen unseres Daseins geschlechtlich definiert sind. Um einzelne Menschen nicht zu verletzen, verletzt schiefes Gendering die Unmittelbarkeit sprechbarer Ansprache. Daher, liebe Leserinnen und Leser, spreche ich gerne hin und wieder explizit die ganze Versammlung männlicher und weiblicher Eigenschaften und Teilpersönlichkeiten in einem jeden an.

Nicht sprechbare Schriftsprache ist Unsprache. Sie entfernt uns von etwas Eigenstem, das uns heute, nicht nur durch Medienkonsum, schleichend verloren geht: Sprachvermögen. Zeichen können selbstverständlich auf viele Weise Bedeutung tragen, nicht nur als Lautzeichen. Aber meint der Gender-Stern tatsächlich den unverwechselbaren Stern in uns, der wirklich „über“ Männlichem und Weiblichem steht? Nicht, solange er als der Informatik entlehnter Joker für eine Beliebigkeit steht, die das Gegenüber austauschbar und gegenstandslos macht; so vergewaltigt man selbst das Symbolon. Pseudo-Toleranz, so meine ich. Mich aber interessiert nicht der, die, das Austauschbare. Mich interessiert der Stern der Einzigartigkeit und damit das echte Gegenüber: in seinem bloßen Sein, jenseits gesellschaftlicher Rollen, Identifikationen und angemaßter Besonderheiten.

Bis Anfang 2019 verwendete ich kompromissweise öfters das „versale Binnen-I“, „LeserInnen“ und so fort, das daher auf meiner Website ein paar Mal zu finden ist. Ein mit Glottisschlag gebrochener weiblicher Lesefluss, nun ja. Angesichts der um sich greifenden Beliebigkeits-Sternchen komme ich davon ab. Im Übrigen begrüße ich es sehr, wenn Redaktionen — trotz aller schönen Redaktions-Richtlinien — ihren Autorinnen und Autoren da immerhin ein Mit-Entscheidungrecht einräumen.

Mit Schrägstrich-Gestelze möchte ich die/den/das geneigte/n/s Leser/in auch nicht mehr be/lä/lu/stigen. Keine Sorge. Wer so schreiben mag: ich nehme nichts dogmatisch und liebe auch Stelzen. Lesend sammle ich die alle ein und stelle sie zuhause in den Ständer zu den vergessenen Regenschirmen. Wer weiß, wofür sie noch gut sind. Bis vor ein paar Jahren fand ich die Stelzen sogar nett. Ein angesagter Denkanstoß, wenn sie so gelegentlich auftauchten. Aber indem zwischenzeitlich auch Behörden in Platzhaltern kommunizieren, anvanciert der stolperdeutsche Denkanstoß zum biederdeutschen Oberlehrermodus. In der Unsinnlichkeit der An-„Sprache“ mit programmiertechnischen Zeichen übertreffen die Beliebigkeits-Sternchen das Stelzen-Gestakse. Wie schön, dass der Oberlehrer sagt, wir seien alle einbezogen: das ist nicht der Punkt. Unsinnlich-unsinnige Moden vergehen auch von selbst. Doch jede und jeder von uns prägt Sprache.

Was gemeint und vielleicht sogar wahr ist, das kann, darf und soll auch gut sprechbar geschrieben werden.

Oder ich kommuniziere von echtem Stern zu echtem Stern.

C.